Langewiesche-Brandt Ebenhausen bei München


Hier erscheinen die Werkstattnotizen zum C.H.Beck Gedichtekalender 2018.
Wer Werkstattnotizen zu früheren Jahrgängen haben möchte, wende sich bitte an den Verlag Langewiesche-Brandt. Dort sind sie gespeichert.
Für den Ausdruck eines Jahrgangs oder mehrerer Jahrgänge Werkstattnotizen und die Zusendung per Post genügt die Vor-Einsendung einer 1,45 €-Briefmarke. Weitere Kosten fallen nicht an.

Captatio benevolentiae
Gedanken zu Gedichten zu äußern ist problematisch. Trotzdem wird es immer wieder gemacht, auf allen Ebenen zwischen Olymp und Parterre. Es gibt Leser, die mögen überhaupt von niemand anderem etwas zu dem Gedicht hören, das sie gerade vor sich haben. Andere wünschen sich Anmerkungen von einem möglichst nicht ganz dummen anderen Menschen dazu. Manchmal passen die in ihr eigenes Nachdenken, manchmal nur wenig, manchmal gar nicht. Also, geneigte Leserin, geneigter Leser, wenn Sie sich überhaupt auf das Folgende einlassen: Zupfen Sie sich heraus, was Sie anspricht, und verwerfen Sie, was Ihnen mehr oder weniger weit vorbeigeht!

Titelblatt     Sarah Kirsch
Dieses Prosagedicht stand als Motto am Anfang des Buches «Zaubersprüche», das 1974 bei Langewiesche-Brandt erschien, (ein Jahr davor im Aufbau-Verlag Berlin/DDR). Sarah Kirsch hat den kleinen Text jahrelang am Anfang jeder Lesung gelesen.

Innentitel     Johann Wolfgang Goethe
Dieses Xenion ist ein Glaubensartikel der Kalendermacher.

Januar I     Alfred Mombert
Der Dichter ist fast vergessen, und eine Wiedererweckung für den Buchmarkt ist schwer vorstellbar. (Bei Langewiesche-Brandt gibt es letzte Exemplare des Buches: «Hundert Gedichte vom himmlischen Zecher». Es dürfte auch im Antiquariat zu finden sein.) Die Poesie Momberts war und ist schwer verständlich. Aber wer sich darauf einlässt, kann wunderbare Visionen mit-erleben. Ein Stolperstein soll kurz an das persönliche Schicksal des Autors erinnern: Alfred Mombert, geboren am 6. Februar 1872, war ein wenig gelesener hoch angesehener Dichter jüdischen Herkommens, der mit seinem «hohen Ton» die spezifisch deutsche Tradition von Hölderlin und Novalis fortsetzt. Er war Mitglied der Preußischen Akademie, wurde dort 1933 ausgeschlossen, blieb im November 1938 noch unbehelligt, wurde 1940 verhaftet und ins unbesetzte Frankreich, ins berüchtigte Internierungslager Gurs verbracht. Dank der Bemühung von Freunden (u.a. von Hans Carossa) wurde er dort «beurlaubt» und durfte 1941 in die Schweiz ausreisen. Da starb er am 7. Februar 1942.

Januar II     Christian Morgenstern
Droschken, Mietkutschen gibt es noch in Wien. Dort werden sie immer noch gehätschelt: die Fiaker. Folglich müsste in Wien noch zu sehen sein, wie einem Pferd ein Fress-Sack umgehängt wird, und wie das brave Tier den schüttelt, um die letzten Haferkörner zu fassen zu kriegen. Der philosophische Gleichniswert wird mit den Droschken und Droschkengäulen schwinden - obwohl... manche Symbole - beispielsweise Schwert und Schild oder Scheffel Goldes - erhalten sich oft länger als die Gegenstände selbst.

Februar I     Gottfried Benn
Wir verstehen das Gedicht so: Der Autor will eine vertane Stunde eingermaßen weise einordnen. Er will sich nicht über ungeliebten Besuch aufregen oder ärgern, sondern suggeriert sich, dass auch in diesem Stück Lebenszeit ein bisschen Welt enthalten ist. ("Formverwaist" - offenbar benehmen sich die Besucher ungehörig - ist recht sehr gewählt gesagt.)
Im zweiten Abschnitt zunächst ein hübsches Bild vergänglicher Überflüssigkeit: Konfetti. Und schon ist der Dichter im poetischen Träumen. Er probiert es mit weiteren gewählten Ausdrücken. "Vielleichtige nachfolgende Vergänge" schmecken nach Rilke, "Gebrochenheiten, wo Rubine spielen" nach Hofmannsthal - so ironisiert Benn sein Poeten-Geschäft.
Im dritten Abschnitt ist er ganz bei sich: Er wird mittels einer handfesten biologischen Zuordnung auch dieser Stunde standhalten!

Februar II     Hilde Domin
Wir wollen darauf aufmerksam machen, dass das Motiv einer Liebe zu Unglückseligen oder Hoffnungslosen auch - anders geschürzt - in einem Gedicht von Marie-Luise Kaschnitz vorkommt: «Mann und Maus» im Kalenderjahrgang 2007. Benachbart ist das kurze Gedicht «Alternative» von Jochen Missfeldt, das 1991 im Kalender stand und das wir hier gern zitieren:
Das Gegenteil von allem finden
ein ganz anderes Ende
ein unverwechselbares hässliches Gesicht das
keiner kennt keiner liebt

März I     Theodor Fontane
Hier ist nichts einer Erklärung bedürftig. Es erklärt ja seinerseits etwas: einen Seufzer, einen törichten. Wir wollen bei dieser Gelegenheit eine Lanze für nicht-eigentlich-poetische Gedichte brechen. Christian Fürchtegott Gellert, Gottlieb Konrad Pfeffel, auch mal Wilhelm Busch haben menschenfreundliche Weisheiten oder freundnachbarliche Nasenstüber in gereimte Zeilen verpackt. Wir zählen solche Texte weitherzig zur Dichtkunst, genau wie - anderseits - agitatorische Liedermacher-Gedichte.

März II     Detlev von Liliencron
Das ist reinste und schönste Poesie. Die letzten zwei Zeilen haben es in sich, aber auch die ersten, zweiten, dritten und vierten je zwei Zeilen. Der Autor - er hieß eigentlich Friedrich Adolf Axel Freiherr von Liliencron - nahm als preußischer Offizier an den Feldzügen von 1866 und 1870/71 teil. Er hat auch soldatische Gedichte geschrieben (die sind als solche ziemlich bis sehr gut), aber eben auch unsoldatische Kostbarkeiten wie «Märztag».

April I     Friedrich Schiller
Schiller kann einem schon mal auf die Nerven gehen. Diese makellos gestalteten Strophen! Und dieser penetrante Optimismus!
Oder?
Schiller beschämt uns. Wie abgebrüht sind wir inzwischen! Großen Aufschwüngen begegnen wir mindestens mit Skepsis.
Oder?
Wie immer man auf Schillers pathetisches Gedicht zu reagieren begonnen hat: die drittletzte Zeile haut den entschlossensten Skeptiker um: «Zu was Besserm sind wir geboren!» Wer traut sich diesen Satz wegzuwischen?

April II     Marie-Luise Kaschnitz
Die Dichterin verbittet sich eine Fata Morgana. Sie ist eine moderne Frau, die die Wunden, die Beschädigungen durch die Geschichte kennt. Aber sie meint hinter ihnen eine Ordnung zu ahnen, sie hofft, dass da eine ist. Hoffnung hundertfünfzig Jahre nach Schiller.

Mai I     Joseph von Eichendorff
Ein für Eichendorff ungewohnt frei gestaltetes Gedicht - man möchte es als spontane Niederschrift nach einem gerade jetzt geschehenen Vormittag verstehen. Besonders interessant fanden wir die Zeile «Aus der Tiefe ein Wirren und Rauschen und Hämmern». Der Lärm der Welt ist dem Dichter Eichendorff typischerweise unangenehm. Hier erlebt er die lärmende Welt als etwas Schönes.

Mai II     Nikolaus Lenau
Sein wirklicher Name ist Franz Niembsch Edler von Strehlenau - österreichisch-ungarischer Landadel. Das schöne Sonett wird wohl nur von jemandem ganz verstanden, der schon mal ein ähnliches Erlebnis gehabt hat. Würdigen kann es auch jemand, der das von sich nicht sagen darf oder möchte. Lenau setzt voraus, dass es neben oder über der Erde ein Jenseits gibt: den Himmel.
Wollte man alle Gedichte, die mit dieser anderen Welt rechnen, aus dem kulturellen Gedächtnis streichen - und gleich alle Kantaten-Texte und Choräle mit -, dann bliebe zur Weitergabe an die Späteren ein recht magerer Rest an Poesie. Auch in diesem befänden sich achtbare Dichter, z.B. Gottfried Keller. Aber einige doch sehr kostbare wären aussortiert. Können wir uns das leisten?

Juni I     Theodor Storm
Storm bliebe, wenn alle Jenseitsgläubigen rausgeworfen würden, noch im Ensemble. Das Gedicht «Verloren» ist, so vermuten die Kommentatoren, 1870 geschrieben, jedenfalls wurde es 1873 zum erstenmal publiziert. Da war Storm längst zum zweitenmal verheiratet, mit Doris Jensen, der Frühgeliebten.
«Verloren» muss in Erinnerung an die verstorbene erste Frau Constanze Esmarch geschrieben sein. Die Stellen «die Kinder klein und klein die Sorgen» und «indes vom Fels die Quelle tropfte» passen nicht zu Storms familiärer und lokaler Situation um 1870, sondern erinnern an seine Jahre in Heiligenstadt im preußischen Regierungsbezirk Erfurt.
Wir fanden in den ersten acht Zeilen das Gedicht im Ton recht nah bei Wilhelm Busch (was keine Schande ist). In den zweiten acht Zeilen hören wir den Ton großer Poesie.
Die Geschichte der zwei Storm'schen Ehen hat Jochen Missfeldt in seinem Roman «Sturm und Stille» unvergesslich dargestellt - weitgehend fiktiv, weil es nur wenige Dokumente zu Doris Jensen gibt.

Juni II     Jochen Missfeldt
Das «Schatzlied» scheint haargenau zum vorigen Gedicht zu passen - aber geschrieben und publiziert ist es in einem völlig anderen Zusammenhang. In dem Roman «Solsbüll» erzählt Missfeldt unter sehr vielem anderen von einem jungen Paar, das nach der ersten gemeinsamen Nacht auseinandergerissen wird: Die Familie des Jungen muss fort, sie sind Juden. Das Mädchen muss (eben: im norddeutschen Städtchen «Solsbüll») ein anderes, ein nicht richtiges Leben leben. Das geht Jahre später herzzerreißend zu Ende - und auf dieses Kapitel folgt, niemandem direkt in den Mund gelegt, das «Schatzlied».

Juli I     H.C.Artmann
Wir verstehen das Gedicht so: Der Dichter benennt das, was bisher als heimelig schön galt und was er selber vielleicht heimlich immer noch schön fände, wenn er das als glaubwürdiger moderner Intellektueller dürfte. Das Gedicht wäre demnach die Ironisierung schönen oder gar heilen Lebens. Immerhin billigt der Dichter dem einen oder anderen Menschen zu, dass ihm so ein Dasein gelingt. Das erinnert uns an Gottfried Benns Gedicht «Eure Etüden» (in den Kalendern 1990 und 2001). Da heißt es:
...
Das Sakramentale -
schön, wer es hört und sieht,
doch Hunde, Schakale
die haben auch ihr Lied.
...
Sollte ein Kalenderleser sagen: «Mir tut das, was hier von der Einsiedelei gesagt wird, nach wie vor einfach wohl», dann würde der Kalendermacher, der dieses ironische Gedicht in den Kalender gebracht hat, bekennen: «Mir auch».

Juli II     Gottfried Keller
Achtfüßige Trochäen, ungewöhnlich lange Verszeilen. Der junge Gottfried Keller, seiner Jugend froh bewusst, erlebt und genießt ein prächtiges wildes Naturgeschehen. Er weiß, dass diese Art Welt-Musik «alt» ist, alt-ehrwürdig (siehe Verse 2, 13, 14 und 16). Der antike Naturgott Pan hat allerdings, soviel wir wissen, nicht Geige gespielt, sondern Flöte, aber egal: seit Gottfried Keller greift er auch mal zur Geige. Wir haben das prächtige Gedicht Kellers dem ironisch sanften von Artmann zur Seite oder gegenüber gestellt.

August I     Paul Fleming
An die barocke Ausdrucksweise wird man schnell gewöhnt sein. Die doppelte Verneinung «weich keinem Glücke nicht» ist keineswegs eine Bejahung, sondern eine doppelt starke Verneinung. «halt alles für erkoren» bedeutet: akzeptiere es als etwas, das dir von deinem Schicksal bestimmt ist. «...ist ihm ein jeder selbst» - «ihm» wird damals gesagt, wo wir heute sagen «sich». «Glück» in der ersten Strophe meint «Zufall», im Vers 9 meint es das, was wir auch heute unter Glück verstehen.
«Was du noch hoffen kannst, das wird noch stets geboren» ist eine wunderbare Behauptung, ein Glaubenssatz, unbeweisbar, unwiderlegbar. Ein Rückblick auf Schiller (April I) lohnt sich.

August II     Christine Lavant
Das Aufbegehren einer schlaflosen Geplagten. Mit Sandkörnern in die Augen ist ihr nicht zu helfen. Ihre Schlaflosigkeit wird zum Vorwurf gegen den Himmel. Den spricht die Dichterin in anderen Gedichten auch direkt an. Diesmal installiert sie, sozusagen heidnisch, eine Zwischen-Instanz, eine spezielle Schlaf-Gottheit.

September I     Johannes Bobrowski
Bobrowski hat nicht selten in antiken Versmaßen gedichtet. Dies hier sind alkaiische Strophen.
Der Dichter war im Krig deutscher Soldat, eingesetzt im nördlichen Russland. Hier hat er offenbar einmal eine Kirche besucht. In orthodoxen Kirchen steht vor dem Altarraum, ähnlich wie bei uns früher der Lettner oder eine trennende Balustrade, eine hohe Wand voller Heiligenbilder, die Ikonostase. Von den hundert Blicken fühlt sich der deutsche Eindringling streng betrachtet. Ein Lichtstrahl als Rettung aus leidigem Zwiespalt: kein objektives Geschehen, aber eine wirkliche Tröstung.

September II     Joachim Ringelnatz
Versöhnung im zivilen Leben - hier zwischen zwei Liebenden. «...wenn keine Rechenkunst es will»: es geschieht keine objektive Klärung der beiderseitigen Standpunkte, auch keine fachkundige Therapie, sondern eine ganz neue scheue Stunde. Ohne irgend ein Wort wird es nicht gehen. Vielleicht geht es mit einem Gedicht von jemand anderem, vielleicht mit diesem.

Oktober I     August Heinrich Hoffmann von Fallersleben
Hoffmann von Fallersleben, der Autor des Deutschlandliedes, war ein frisch fromm fröhlich freier Achtundvierziger. «Vetter Michel» nannten die Dichter des «Vor-März» (d.h. die Aktivisten der Jahre vor dem März 1848) ihre schlafmützigen Landsleute. Die nehmen alle rückständigen Ordnungen hin, wenn sich denn nur ja nichts an ihrer deutschen Gemütlichkeit ändert. Philister: Spießer.
Nicht jede Zeile dieses frühen Liedermacher-Gedichts (den Ausdruck gab es damals noch nicht) spricht uns auch heute aus der Seele, aber einige tun es doch.
Wir Kalendermacher wollen mit diesem Gedicht daran erinnern, dass «die Achtundvierziger» am Beginn unseres freiheitlich demokratischen Systems stehen. Dass sich aus der selben Bewegung eine unheilvolle Marschrichtung entwickelt hat, die nationalistische, darf nicht vergessen werden! Der Dichter des Deutschlandliedes hat sich ihr nicht angeschlossen.

Oktober II     Wilhelm Busch
Solche Fröhlichkeit angesichts einer ausweglosen Bedrohung ist vorbildlich. Sie ist nah verwandt mit der Fröhlichkeit in Gottlieb Konrad Pfeffels Gedicht «Die Ameise und die Grille» (im Kalender 1988). Diese Gedichte können einem in der überzeitlichen Dimension Mut machen, in den mittelgroßen Welt-Aspekten leider nicht. Wilhelm Busch war notorischer Junggeselle. Er hatte etwas leichter zu reden als ein Familienvater oder eine Familienmutter.
Das Wort «quinquilieren» scheint in Norddeutschland gängig zu sein, es steht sogar im Duden. Aber das Wort «gluh» ist zweifellos eine Neuschöpfung unseres Dichters. Es ist hier ein herrliches Reimwort und ist unmissverständlich bildhaft. Möge uns die Muse der Dichtkunst ab und zu so schöne neue Wörter schenken!

November I     Volkslied aus dem 16. Jahrundert
Die Kenntnis dieses Liedes verdanken wir einem Bändchen der alten Sammlung Göschen. Es macht auf die uneinheitliche Rolle des Mädchens aufmerksam. Am Anfang sieht sie unten im Tal ein Schifflein schwimmen. Gab ihr später einmal anderswo der damals erblickte Graf zu trinken? So unaufgeräumt sind eben Volkslieder oft. Nach der fünften Strophe fehlt eine Art Zwischen-Erfüllung der sozial aussichtslosen Liebe. Das Mädchen ist nun nicht mehr die Erzählerin, sondern Gegenstand der Erzählung. Der junge Graf beträgt sich so, wie sich junge Grafen eben betragen haben. Diesen hier reut seine Leichtfertigkeit immerhin. - Einzigartig, d.h. von uns nirgends ähnlich beobachtet: die Szene an der Klosterpforte. Dagegen dutzendmal auch anderswo gehört: der goldene Becher und das gebrochene Herz.

November II     Franz Werfel
In der kindlichen Fantasie weitet sich eine wandernde Schafherde zu einer welligen Landschaft. Die Verse 7 und 8 könnte man beim Vorlesen überspringen, es wäre kein Verlust. Dagegen: den Genitiv «Schneees» als Reimwort zum preziösen Genitiv «Gemäes» sowie die Pluralbildung (weil zwei oder mehr Kinder an dieser Vision teilhaben) «unserer Schlafe» - diese Künstlichkeiten bitten wir gelten zu lassen, wie überhaupt das ganze Gedicht und den ganzen Franz Werfel.

Dezember I     Georg von der Vring
Nochmal ein Gedicht aus der Kinderperspektive - oder, kaum genauer: aus der Rückschau auf die Kindheit. Welche Rolle Worte spielen! Welche noch größere Rolle die wortlosen Gebärden spielen!

Dezember II     Dietmar von Aist
Die zwei Strophen werden von verschiedenen Sprechern gesprochen, die erste von einem Mann, die zweite von einer Frau. In der Strophe des Mannes ist der einzelne Buchstabe «e» in Vers 3 das wichtigste Wort, es heißt: «ehe», also: früher, damals. Die Frau erinnert sich gleichfalls. Das schöne gemeinsame Ereignis liegt gewiss keine tausend Jahre zurück, aber vielleicht ein, zwei, drei Jahre. Oder nur «ein vierteljar» wie im Volkslied November I? Es gibt hunderte von Gedichten, die an ein dagewesenes, aber nicht dagebliebenes Glück erinnern, eines ist Goethes Gedicht «An den Mond»:
...
Ich besaß es doch einmal,
Was so köstlich ist!
Dass man doch zu seiner Qual
Nimmer es vergisst
...
Wahrscheinlich ist es das poetische Motiv schlechthin. Ein Blick zurück auf das «Schatzlied» (Juni II) lohnte sich.

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Rev. 08.01.2018