Langewiesche-Brandt Ebenhausen bei München


Hier erscheinen die Werkstattnotizen zum C.H.Beck Gedichtekalender 2017.
Wer Werkstattnotizen zu früheren Jahrgängen haben möchte, wende sich bitte an den Verlag Langewiesche-Brandt. Dort sind sie gespeichert.
Für den Ausdruck eines Jahrgangs oder mehrerer Jahrgänge Werkstattnotizen und die Zusendung per Post genügt die Vor-Einsendung einer 1,45 €-Briefmarke. Weitere Kosten fallen nicht an.

Captatio benevolentiae
Gedanken zu Gedichten zu äußern ist problematisch. Trotzdem wird es immer wieder gemacht, auf allen Ebenen zwischen Olymp und Parterre. Es gibt Leser, die mögen überhaupt von niemand anderem etwas zu dem Gedicht hören, das sie gerade vor sich haben. Andere wünschen sich Anmerkungen von einem möglichst nicht ganz dummen anderen Menschen dazu. Manchmal passen die in ihr eigenes Nachdenken, manchmal nur wenig, manchmal gar nicht.
Also, geneigte Leserin, geneigter Leser, wenn Sie sich überhaupt auf das Folgende einlassen: Zupfen Sie sich heraus, was Sie anspricht, und verwerfen Sie, was Ihnen mehr oder weniger weit vorbeigeht!

Titelblatt    Wilhelm Busch
Ein freundlicher Zuruf. Aber: Wer oder was ist «das Glück»? Und wieso vergibt es Gaben «nach seinem Sinn»? Goethe spricht in seinem kleinen Gedicht «Ich weiß, dass mir nichts angehört» von «jede(m) günstige(n) Augenblick», den ihn «ein liebendes Geschick» genießen lässt. Joachim Neander appelliert an seine eigene Seele und an jeden Gläubigen: «Lobe den Herren, der... aus dem Himmel mit Strömen der Liebe geregnet». Leichthin oder nachdenklich oder fromm: Menschen wünschen sich selber und gegenseitig gute Gaben und sind dankbar dafür - wem auch immer.
Freunde des Gedichtemacherhandwerks freuen sich hier bei Wilhelm Busch am Glücksfall des Reimes «begrüßt/bemühst». Der passt nur in diesem einen einzigen Zusammenhang, kann also nicht abgenutzt werden wie «Herz/Schmerz» oder «Sonne/Wonne».

Innentitel    Christian Morgenstern
Auch freundlich, auch lieblich. (Die Stufe im dritten Vers ist ein Lese-Vorschlag von uns.)
Von glücklichen Stunden, Zufällen, Fügungen ist in diesem Kalenderjahrgang noch öfter die Rede: Januar I, Januar II, April I, Mai I, Juni I, Juli II, August II, September II, Oktober II, Dezember I.

Januar I    Friedrich Nietzsche
Wer ein Porträtfoto von Nietzsche oder seine Porträtbüste vor Augen hat, traut dem großen Nachdenker so viel Leichtsinn erstmal gar nicht zu. Oder soll sein Gedicht etwa einen beneidenswert leichtsinnigen anderen Menschen darstellen, vielleicht einen säkularen Franz von Assisi? Wir meinten: Nein! Sondern jedem noch so abgrundtief Nachdenkenden sind Pausen zum Aufatmen und Auffliegen gegönnt. Nach der ersten Flugstrecke muss er rasten, aber nun kann er es jedem Vogel gleichtun, und schließlich wird er der Mittelpunkt einer größeren Schar, er singt vor, die andern singen wahrscheinlich den Refrain. Die Szene ist nicht einwandfrei schlüssig. Aber das Gedicht ist schön.

Januar II     Friederike Mayröcker
Die Liste dessen, was man braucht, ist bescheiden - oder? Leider sind wir weit entfernt von einer menschlichen Gesellschaft, in der alles hier Aufgezählte zu den Grundrechten gehört. Der Baum müsste einem ja nicht gehören - man sollte nur hingehen und sich unter ihn setzen oder legen dürfen. Das Haus müsste man nicht besitzen - man müsste nur besitzerseits unbedrückt und nachbarlich ungequält darin wohnen dürfen.
Viele Häuser und viele Bäume werden älter als Menschen. Berühmt alt werdende Bäume: Linden, Eichen.
Zum einfachen Glück siehe auch die beiden Juni-Gedichte.

Februar I     Wolf Biermann
«... dies zersungene Lied» existiert in mehreren geringfügig voneinander abweichenden Fassungen. Der Dichter scheint das hinzunehmen - er hat die uns als Abschrift zugekommene und ihm vorgelegte Fassung durchgewunken. Wir haben das Gedicht für den Kalender 2017 ausgewählt, ohne uns bewusst zu machen, dass sein Autor 2016 achtzig wird (also: geworden ist), und noch ohne zu wissen, dass zu diesem Datum seine große Selbstbiographie erscheint. Die lesen wir nun als aufregend ausführlichen Kommentar zum «Kleinen Lied von den bleibenden Werten». «Ewig bleiben wird davon, / dass es vergessen wurde» - gewiss wird es «ewig» so kommen. Aber für die lebenden Generationen und doch vielleicht noch für eine oder zwei Generationen weiter werden eine Handvoll Gedichte von Wolf Biermann unvergesslich sein.

Februar II     Heiner Müller und Nico Bleutge
Der 43 Jahre später geborene Nico Bleutge nennt sein Gedicht eine «Überschreibung» des Gedichtes von Heiner Müller. Er hatte einen ähnlichen Traum - oder vielleicht müsste man eher denken: Er träumt ähnlich. Ähnlich, aber interessant anders. Bei Müller kommen vor: Rüstung, Harnisch, Lanze, Stoß und Stich. Bei Bleutge gibt es keine kriegerischen Bilder. Ist das jüngere Gedicht darum friedlicher, freundlicher als das frühere? Ein wenig unheimlich - oder sogar sehr - sind beide.
Beide sind Sonette, das von Müller exakt, das von Bleutge weniger exakt, und die Sonettform sollte nicht ins Auge springen.

März I     Dagmar Nick
Die Dichterin bemerkt überall die Schalheit dessen, was wir sagen. Wir, nicht nur die Medien oder die Politiker oder die Pfarrer. Auch die Dichter: «Die Brücken, die wir aus Worten baun / gehn über totes Gewässer.» Kommt es daher, dass viele von uns Zuflucht bei Älteren oder Früheren suchen? Haben die mehr getan «für das Leben»? Die ersten beiden Strophen beginnen mit dem Wort: Eigentlich. Dagmar Nicks Gedicht erinnert an den nur scheinbar fröhlicheren Aphorismus von Ödön von Horvath: «Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, ich komme nur so selten dazu.» Etwas in der Art muss hin und wieder gesagt werden.

März II - hier haben wir aus Platzgründen auf das Kalendarim verzichtet - Ludwig Uhland
Dieses Gedicht wurde noch in der Schulzeit der jetzt sehr Alten von vielen tausend Schülern auswendig gelernt. Zumindest ein paar tausend haben an ihm ein heiliges Erschauern erlebt: Ein Aufrührer und Übeltäter gewinnt, indem er dem siegreichen König den Hergang der Geschichte aus seiner Sicht erzählt, dessen Bewunderung und Zuneigung.
Historisch war es so: Der wirklich bedeutende provenzalische Troubadour Bertran de Born war zugleich ein überlegen intelligenter Abenteurer. Offenbar hat er seine intellektuelle Überlegenheit ungeniert provokativ zum Ausdruck gebracht. Das mögen die Leute nicht.
König Heinrich II. versuchte Frankreich und England zu einem einzigen Staat zusammenzufügen. Innerhalb der Provence setzte er sich durch, und der besiegte und begnadigte Bertran de Born gehörte hinfort zu seinen verlässlichen Anhängern.
Weitere historische Bezüge werden in der Notiz zum Blatt August I gebracht. Dort gibt es auch einen Hinweis auf die Strophenform der beiden Gedichte.

April I     Ricarda Huch
Die Erde ist ein winziges Partikel im Weltall, das ganze Sonnensystem ist ja winzig, gemessen an den Größenordnungen des Universum. Insofern ist dieses Gedicht ein wenig kindlich: dass der Mond seine Vettern, die Planeten heranwinkt. Anderseits sind wir hier unter uns Göttern, und da dürfen wir mit kleineren und größeren Himmelskörpern nach Belieben spielen. Der ernste Inhalt des Gedichtes ist der: Die anderen Sterne, noch so grandios, warten darauf, dass die winzige Erde was erzählt. Sie erzählt jede Nacht was Neues wie die Erzählerin in Tausend-und-einer-Nacht. Nur auf ihr, als einziger von allen Himmelskörpern (soviel der Mond, Ricarda Huch und wir wissen), spielen sich Geschichten ab. Die sind aufregend oder zum Träumen und oft zum traurigen oder glücklichen Weinen.

April II     Friedrich Schiller
Man kann alles verspotten. Man braucht nichts ernst zu nehmen. Die Aufschrift über dem Portal einer Universität «Dem Wahren, Schönen und Guten» ist nur zum Lachen. So konnte anscheinend (wir kennen das Stück nicht) Voltaire auch mit der Jeanne d'Arc fertig werden.
Schiller mochte das nicht. Er «entglühte» für das Hohe, Herrliche. Gewiss: Wenn Gymnasiasten, Kirchgänger und Staatsbürger mit erhabenen Worten überfüttert werden, können sie nicht anders als mit Veralberung darauf reagieren. Doch will man darum endgültig auf Hohes und Herrliches verzichten?

Mai I     Heinrich Heine
Na, was wäre dazu zu sagen?

Mai II     Eduard Mörike
Dreifüßige Trochäen, schöne ungereimte Verse. Das Gedicht, das man in seiner Festigkeit kaum bei Mörike vermutet hätte, erklärt sich durchaus selber. Sprachlich interessant: «wir kennen uns einander» - der gleiche Ausdruck steht bei Martin Luther im Gedicht November I: «dass wir uns von Herzen einander lieben». Dieser völlig stimmige Ausdruck ist uns abhanden gekommen. Wir sagen entweder «wir kennen uns» oder «wir kennen einander» oder «wir kennen uns gegenseitig».
(Nicht wichtig, aber vielleicht den Hinweis wert.)

Juni I     Christine Lavant und
Juni II     Paul Celan
Wir haben mit Bedacht beide Gedichte aufeinander folgen lassen. Beide Dichter sind abgrundtief schwermütig, aber hier fanden wir in beiden Gedichten eine Situation dargestellt, in der kreatürliches Behagen stärker sein kann als alle Schwermut: Bei Christine Lavant sind wir uns sicher, dass von einer glücklichen Stunde die Rede ist.
Bei Paul Celan nicht. Seine Gedichte sind berüchtigt schwer zu deuten. Wer ist «du» («deine Stunde»)? Wer ist «sie» («ihr Gespräch»)? Wer sind «wir drei»? Biografisch vorstellbar wären drei Menschen auf der Bank vor dem Hause, Mann, Frau und Kind, «selbdritt» heißt: er mit zwei anderen. «Selbviert» wäre er mit drei anderen. Wer ist der oder die Vierte?
Bank vor dem Haus und Krauseminze (das ätherische Öl der Minze verbreitet einen angenehmen Duft): harmonischer geht's gar nicht, so meinten wir, und miteinander schweigen kann sehr schön sein. Aber wenn etwas gesagt sein möchte, sollte, müsste? Gebeichtet? Prophezeit? Nahe Untergänge?
Kann jemand dieses seltsam anziehende Gedicht wirklich entschlüsseln? Wir können es nur stückweise erahnen, vielleicht auf der von Heinrich Frauenlob (Dezember II) benannten mittleren Ebene.

Juli I     Johann Wolfgang Goethe
Was etwa zu erklären war, steht im Inhaltsverzeichnis. Vielleicht einen Hinweis wert ist der gewisse Anklang dieses Gedichts an lehrhafte Gedichte von Christian Fürchtegott Gellert. Es klingt fast so, als wolle Goethe Gellert spielen. (Goethe ist eine Klasse besser.)

Juli II     Wilhelm Lehmann
Hier zunächst eine tiefe Büßer-Gebärde. In der schönsten, wichtigsten Verszeile befindet sich ein Satzfehler. Die Zeile besteht aus einem einzigen Wort, das lautet richtig: «Heuschreckschnell». Alle am Kalender Mitwirkenden haben den Fehler («Heuschreckenschnell») überlesen.
Das Gedicht hat ein Dutzend Schönheiten. Die Reimfolge ist kunstvoll, die mit Rücksicht auf den Reim ungleich langen Verszeilen sind alle metrisch angenehm, ja notwendig. «Heuschreckschnell», wie gesagt, ist die allerschönste: Man hört förmlich das Reittier des Elfenkönigs springen, sieht es auch.
Die Sagenzeit liegt hinter uns, aber da und dort kann man einen Abglanz bemerken, wenn man will.

August I     Conrad Ferdinand Meyer
Dieses wohl jeden Leser aktuell anrührende Gedicht hat inhaltlich eine interessante Beziehung zu dem von Ludwig Uhland (März II). Das Kind des Paares, von dem hier die Rede ist (ob der Mann Kreuzfahrer oder Kaufmann gewesen war lassen wir unerörtert), ist Thomas von Canterbury. Dieser kluge und offenbar weltbürgerlich weitherzige Mann wurde Kanzler des Königs Heinrich II. und auf dessen Drängen Erzbischof von Canterbury, zum Verdruss der normannischen Edelleute am Londoner Königshof. Vorauseilend königstreu ermordeten sie Thomas in der Kathetrale. Der König, einerseits vielleicht politisch erleichtert, andererseits als Christenmensch entsetzt, sorgte dafür, dass der Tote alsbald heiliggesprochen wurde, und fortan war Canterbury der prominenteste Wallfahrtsort Englands.
Zur Strophenform: Dieses Gedicht und das von Uhland sind, gesprochen, exakt gleich gebaut. Die Verszeilen sind nur anders umbrochen. Bei Meyer haben alle vier Verszeilen einer Strophe das gleiche Reimwort. Bei Uhland hat jede zweite Verszeile der achtzeiligen Strophe das gleiche Reimwort. In beiden Gedichten sind sämtliche Reimwörter «männlich».
Wer ein wenig Lesezeit für Literatur hat, könnte sich die Erzählung «Der Heilige» von Conrad Ferdinand Meyer vornehmen. Darin sind die Gestalten, denen wir in den zwei Gedichten begegnet sind, alle zugegen.

August II     Albert von Schirnding
Eine Ehe-Situation. Die beiden sitzen nicht auf einer Bank vor dem Haus in der Sonne, sondern vielleicht auf einem Balkon oder einer Terrasse unter einem Sonnenschirm. «Komm zu mir an Land» und «Reich mir den Krug»: zwei Appelle eines Philemon an eine Baucis, abgeklärt, dankbar.

September I     Barthold Hinrich Brockes
Der Hamburger Ratsherr Brockes versuchte die ernüchternden Erkenntnisse der Aufklärung zu verbinden mit einer denn doch religiösen Art und Weise, die Welt zu erleben. Sein Buch hat den schönen Titel «Irdisches Vergnügen in Gott».
Man kann oder könnte das, sozusagen mit Voltaire, veräppeln, aber mancher hat vielleicht doch eine Scheu, es zu tun.

September II     Anton Wildgans
Dieses Gedicht hat uns ein alter Freund seit Jahren dringend für den Kalender anempfohlen. Er hat gerade noch die Erfüllung seines Wunsches erlebt. «Adagio für Cello» ist ein makellos gemachtes Gedicht. Was für prächtige Alliterationen (Ruhm/Rosenrot/Rohr, schläfernd/schlürft, ruhlos/runde, wandern/wach)! Und was für ein Aufgebot schöner Vokale (o, ei, u)! Das Gedicht ist fast zu schön, um gut zu sein, aber ein Adagio für Cello ist leicht mal fast zu schön. Dem modernen Bedürfnis nach mindestens einer Andeutung der Unrichtigkeit der Welt werden die letzten drei Verszeilen gerecht, schon gar die letzte, metrisch verkürzte.

Oktober I     Carl Zuckmayer
Dieses Marschlied räumt ordentlich alle dunklen Hunde beiseite. Es ist nicht die einzig richtige und auch nicht die immer mögliche Methode, mit der Welt zurecht zu kommen, aber es gibt sie, und wir sollen sie nicht vergessen!

Oktober II     Joachim Ringelnatz
Nicht vergessen soll man auch die kleinen Glücksfälle. «Jede Gabe sei begrüßt» sagt Wilhelm Busch. Die dünne Kleinigkeit eines Stückes Bindfaden haat dem Dichter und seiner Frau eine kleine Strecke Leben ermöglicht.

November I     Martin Luther
Den Text, der sowohl im evangelischen Gesangbuch wie im katholischen «Gotteslob» steht und von den Gemeinden beider Konfessionen viel gesungen wird (leider in sprachlich zurechtgestuzten Gestalten), bringen wir in der frühesten Fassung Luthers.
Die erste schon vor-luthersche Strophe war ein Gebet um Beistand des Heiligen Geistes in der Stunde des Todes. Die von Luther hinzugedichteten Strophen erweitern die Bitte auf das ganze Leben, und darum wurde das Gedicht zum klassischen Pfingst-Lied.
«Lass uns empfinden der Liebe Brunst» ist ein wenig problematisch, dabei hat «Brunst» zwar auch, aber keineswegs nur die erotische oder sexuelle Bedeutung, sondern besagt einfach, dass etwas brennt. Brennende Liebe meint also auch das, was heute mit dem faden Modewort «Empathie» benannt wird: herzliche Zuwendung zu anderen Menschen.

November II    Johannes Bobrowski
Zu diesem Gedicht haben wir im Inhaltsverzeichnis wohl alles gesagt, was zum Verstehen nötig ist. Hier nun wollen wir daran erinnern, dass Bobrowski neben der verbindlich gewordenen protestantischen Tradition Ostpreußens auch die alt-litauische beachtet. Sein Gedicht «Dorfmusik» lässt das ebenso erkennen wie sein kleiner Roman «Litauische Claviere. Der reinen evangelischen Lehre entsprechen diese Bestattungs-Gebräuche nicht, aber sie lassen sich einigermaßen integrieren, und daraus ergibt sich ein leicht verschmitzter Umgang mit dem Tod und dem leidigen Bewusstsein, dass man nicht so recht würdig ist, «in den Himmel zu kommen».

Dezember I     Paula Ludwig
Dies ist das Gedicht eines jungen Mädchens, das bereits eine junge Mutter ist. Es steht im zweiten Buch von Paula Ludwig, «Der himmlische Spiegel», das 1927 erschienen ist. Wir haben all unsere Paula-Ludwig-Jahre hindurch gemeint, das Gedicht sei im Zusammenhang mit einer Liebesgeschichte entstanden und bringe ein mütterliches Element im Geschehen zwischen Mann und Frau zum Ausdruck. Aber stimmt das überhaupt? Sind diese Verse am Ende über das schlafende Kind gesprochen?

Dezember II     Heinrich Frauenlob
Heinrich Frauenlob wird zum späten Mittelalter gerechnet. Für uns Nicht-Germanisten ist diese Epoche sprachlich fast so weit entfernt wie das Hochmittelalter, zum Beispiel Walther von der Vogelweide. Bei weitem nicht so nahe wie der frühe Martin Luther (November I).
Wir versuchen den Freunden unseres Kalenders Jahrgang für Jahrgang ein oder zwei Beipiele früherer Stufen der deutschen Sprache zu zeigen. Zum Lesen braucht man da länger als bei neuhochdeutschen Gedichten. Manchmal ist das Lesen mehr ein Herauskriegen. Aber ist das nicht der Mühe wert?
Wir fanden die sehr kunstvoll gereimte Strophe von Heinrich Frauenlob auch inhaltlich besonders interessant: Der kluge Dichter macht darauf aufmerksam, dass seine und überhaupt die Dichtkunst auf verschiedenem Niveau wahrgenommen werden kann. Keineswegs lässt er nur eine Wahrnehmung gelten, die auch das Hohe und Höchste eines Gedichts einbezieht. Er meint, dass auch eine mittlere Wahrnehmung «einen vollen Bissen gewähren» kann.
Das ist ein guter Gedanke für unsere Gedichtekalenderarbeit.

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Rev. 08.01.2018