Langewiesche-Brandt Ebenhausen bei München


Hier erscheinen die Werkstattnotizen zum C.H.Beck Gedichtekalender 2015.
Wer Werkstattnotizen zu früheren Jahrgängen haben möchte, wende sich bitte an den Verlag Langewiesche-Brandt. Dort sind sie gespeichert.
Für den Ausdruck eines Jahrgangs oder mehrerer Jahrgänge Werkstattnotizen und die Zusendung per Post genügt die Vor-Einsendung einer 1,45 €-Briefmarke. Weitere Kosten fallen nicht an.

Captatio benevolentiae
Gedanken zu Gedichten zu äußern ist problematisch. Trotzdem wird es immer wieder gemacht, auf allen Ebenen zwischen Olymp und Parterre. Es gibt Leser, die mögen überhaupt von niemand anderem etwas zu dem Gedicht hören, das sie gerade vor sich haben. Andere wünschen sich Anmerkungen von einem möglichst nicht ganz dummen anderen Menschen dazu. Manchmal passen die in ihr eigenes Nachdenken, manchmal nur wenig, manchmal gar nicht.
Also, geneigte Leserin, geneigter Leser, wenn Sie sich überhaupt auf das Folgende einlassen: Zupfen Sie sich heraus, was Sie anspricht, und verwerfen Sie, was Ihnen mehr oder weniger weit vorbeigeht!

Werkstattnotizen zum C.H.Beck Gedichtekalender 2015

Titelblatt   Joachim Ringelnatz

Dieses mit leichter Hand gemachte freundliche Gedicht transportiert keine große Weisheit. Aber eine kleine, nämlich: dass wir, wenn es ums Wünschen geht, leider oft oder meistens erstmal an uns selber denken.
Nicht immer. Wenn man um den einen oder um mehrere geliebte Menschen in Sorge ist, um Kinder oder Enkel oder um «die Menschheit»...
Alles dem «lieben Gott» zu überlassen: So eine Ergebenheit kann einen schon anwandeln. Aber man beachte das Kalenderblatt Januar II und unsere Werkstattnotiz dazu! Macht Gott die Jahre «nach seiner Weise ... göttlich»? Das Jahr 1914? Das Jahr 1618? Oh, die Jahre 1933 und so fort...

Innentitel    Christian Wernicke

Das passt noch ein bisschen zu Ringelnatz, kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: Denk mal über die Zeit nach, über «die gute alte Zeit» («früher war alles besser»,) über «unsere Zeit».

Januar I    Dagmar Nick

Man könnte schon fliegen – wie wörtlich oder sinnbildlich man «fliegen» auch verstehen mag. Aber irgendwas hindert einen daran. In diesem Fall die Liebe. Vergleiche das Gedicht Mai I, Hölderlin: «Die Liebe zwingt / All uns nieder». Wer den Gedichtekalender sammelt, könnte jetzt den Jahrgang 2003 heranholen und dort das Hölderlin-Gedicht «Die Eichbäume» lesen. Ein ganz ähnliches Motiv! In mancher Hinsicht ähnlich ist auch das Gedicht «Seenot» von Marie Luise Kaschnitz im Kalender 1998.
Sprachlich besonders bemerkenswert ist hier, bei Dagmar Nick, der Anfang des zweiten Teils, diese sonderbare Zeilenbrechung. Anscheinend wollte die Dichterin gerade sagen, dass sie das Fliegen um der Liebe willen verlernt - doch flugs beruft sie sich. Gerade Liebe ist es ja anderseits, was sie dazu bringt, zu fliegen. Aber einfach wegfliegen geht eben doch nicht. Ebenfalls «um der Liebe willen».

Januar II    Adalbert Harnisch

Dieses Gedicht hat im «Vormärz» - also in den Jahren vor der kläglich fast ganz gescheiterten Revolution von 1848 – eine gewisse Rolle gespielt. Es ist zum ersten Mal 1845 gedruckt worden, unter Pseudonym. Man liest, dass es auf die Melodie «Prinz Eugen, der edle Ritter» gesungen worden sei. Das konnte nur funktionieren, wenn man die Verszeilen 3 und 6 um einen Versfuß verlängert, so dass es etwa heißt: Oder Stiefeln oder Schuh' und Das tut, das tut nichts dazu. Eine der Überlieferungen des Textes lautet auch so.
Mit dem Text ist überhaupt grob umgesprungen worden, er wurde je nach Bedarf umgemodelt, auch umgedeutet (z.B. nationalistisch). Authentisch ist die von uns mitgeteilte Fassung. Der Autor hat sie nach der Revolution unter seinem richtigen Namen herausgegeben, mit einer kleinen Änderung: In der Ausgabe von 1845 hatten die Verszeilen 4 und 5 der vorletzten Strophe gelautet:

   Oder ob wir christlich denken:
   Gott wird's wohl im Schlafe schenken.

Harnisch gehörte einer Bewegung an, die dem orthodoxen Protestantismus ein aufgeklärtes Christentum entgegensetzen wollte. Das Wort «christlich» an dieser Stelle ist also ein Stück christliche Selbstkritik, nicht eine Kritik von außen. Man kann sich gut vorstellen, dass der Autor mit der Änderung von 1859 («christlich» in «schläfrig») einem möglichen Missverständnis vorbeugen wollte.
Die Informationen entnehmen wir der lesenswerten Darstellung von Tobias Widmaier in einer online zugänglich gemachten Veröffentlichung der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau, http://www.liederlexikon.de/lieder/buergerlied/.

Februar I    Marie Luise Kaschnitz

Ein Prosagedicht, ein berühmter Text. Nach dem Katalog «Ob wir...» des Bürgerliedes von Adalbert Harnisch der etwa hundertzehn Jahre spätere Katalog «Ob wir...» von Marie Luise Kaschnitz: Das musste einfach sein! Zu erklären gibt's da nichts.

Februar II    Rudolf Alexander Schröder

Wann mag der Dichter dieses Gedicht gedichtet haben? Vor dem Krieg? Nach dem Krieg? Nach Auschwitz könne man keine Gedichte mehr machen, meinte Theodor W.Adorno. Nachweislich stimmt das nicht. Nach Auschwitz, trotz Auschwitz sind tausend wunderbare Gedichte geschrieben worden. (Von den abertausend nicht wunderbaren brauchen wir nicht zu reden.)
Der abgeklärte Zuspruch – oder eben: Segen – Rudolf Alexander Schröders kann sehr wohl nach Auschwitz entstanden sein. Wir sagen entgegen unserer Gewohnheit «entstanden», denn hier meint man förmlich zu spüren, wie ein abgeklärter, gebildeter, frommer alter Mann über Wochen hat zusammenkommen lassen, was denen mitzugeben wäre, die sich jetzt auf den Weg machen.
Es ist keine Zeile in dem Gedicht, die einem langen prüfenden Anschauen nicht standhielte.

März I    Detlev von Liliencron

Ein liebliches Andantino. Ein liebendes Paar.
Der wie ein Zitat klingende Ausdruck «Glückes genug» könnte auf Robert Schumann zurückgehen. Ein Stück aus dessen «Kinderszenen» (1838) ist so überschrieben.

März II     Gottlieb Konrad Pfeffel

Das Gedicht ist 1787 geschrieben und/oder veröffentlicht worden. Der Autor, längere Zeit Leiter einer École militaire für junge Adelige und Bürgerliche protestantischer Konfession, Reformpädagoge, zwischen dem Elsass, Baden und der Schweiz lebend, moderater Anhänger der Französischen Revolution, zuletzt vom Kaiser Napoleon durch Gewährung einer Pension geehrt... (Es gibt einen kleinen Band mit ausgewählten Gedichten und Prosatexten dieses schätzenswerten Autors und einem Nachwort und Anmerkungen von Walter Ernst Schäfer: «Biographie eines Pudels», Ebenhausen 1987.)
Satiren dieser Art, oft oder meist in Gestalt von Fabeln, waren Ende des 18. Jahrhunderts eine beliebte Kunstform. Sie sollen auf unterhaltsame Weise zum Nachdenken anregen.

April I    Catharina Regina von Greiffenberg

Die Autorin war die Ehefrau eines am Kaiserhof zu Wien beschäftigten Beamten. Sie war Protestantin und hatte sich vorgenommen, den Kaiser für die Reformation zu gewinnen. Und zwar mit frommen Gedichten, meist Sonetten, wie sie in Wien niemand besser machen konnte als sie. Außerhalb Wiens gab es größere Dichter, z.B. Paul Fleming und Andreas Gryphius.
Wir haben das «Lustbringende Regenlein», eins ihrer wenigen nicht oder kaum religiösen Gedichte, ausgewählt, weil uns das Diminutiv von «Regen» gefiel. Den Dichtern ist seither kein schöneres eingefallen. Der «Schauer» des Wetterberichts ist nicht konkurrenzfähig.
Wie im Kalender gesagt, ist der Text buchstabengetreu abgedruckt (nur der Unterschied zwischen dem langen und dem runden s der originalen Frakturschrift war nicht nachzugestalten), weil wir meinten, es könnte für manche Leser interessant sein zu sehen, aus welchem Haufen noch kaum behauener Steine die Frau von Greiffenberg ihr poetisches Haus erbaut hat. Die Konvention, wie unsere Wörter zu schreiben sind, hat sich in den dreihundert Jahren zwischen Luther und den Brüdern Grimm und in den zweihundert Jahren seither herausgebildet. Die Barockdichter befinden sich auf halbem Wege.
In ihrem konfessionellen Bestreben war Catharina Regina von Greiffenberg eine Fantastin. Aber man muss sie doch auch hier bewundern!

April II   Bertolt Brecht

Keine Adlige, sondern die Witwe eines Streckenwärters. Ein schöner donnernder Brecht, besonders erfreulich dadurch, dass der allnächtliche Kohleklumpen einem ausbeuterischen Unternehmen weggenommen wird. Eine Umverteilung von unten, wie sie auch den großen Räubern Robin Hood, Schinderhannes und Karl Moor nachgesagt wird. Ob die Ungerechtigkeiten der Welt auf diese Weise abgeschafft werden können, ist die Frage. Aber wohl immer noch eher so als durch blutige Revolutionen. Ein heiterer Gedanke an diesen Themenkreis kann bei der Lektüre des Morgenstern-Gedichts auftauchen (November I).
Anderseits könnte man sich vorstellen, dass die Wheeling Railroad (oder das Unternehmen, in dem sie aufgegangen ist) pro Jahr ein Vielfaches von dem, was die solidarischen Arbeitskollegen des Bremsers Mike McCoy in 365 Nächten dem Betriebsvermögen entziehen, für wohltätige oder kulturelle oder sportliche Zwecke stiftet. Sollen mit diesem Hinweis Stiftungen verherrlicht oder verunglimpft werden? Weder - noch! Brechts Gedicht leistet genau das, was es leisten will: Wir sollen über diese Sachen nachdenken.

Mai I   Friedrich Hölderlin

Der Anfang dieses berühmten Gedichtes sagt das gleiche wie unser Gedicht Januar I, Dagmar Nick. Das leuchtet jedem Leser sofort ein. Dann wird es schwieriger. Die Kalendermacher wollen nicht suggerieren, wie die Gedanken-Partikel zusammengehören. Sicherlich ist die zweite Strophe ein Seufzer: Es müsste doch eine gewisse Ordnung geben für die Aufflüge und die Abstürze. Aber, so sagt die dritte Strophe: es scheint keine zu geben, keinen Plan, keine Vorsicht (= Vorsehung, Bestimmung). Jeder einzelne Mensch muss alles prüfen und in Betracht ziehen (und soll auch noch für das reiche Angebot danken) - und sich dann für einen Weg entscheiden. Das ist eine Zumutung, aber es ist auch ein Grund, froh und stolz zu sein, dass man ein Mensch ist.

Mai II    Paul Gerhardt

Ein wunderbares frommes Gedicht, weltenfern dem vorigen. Ist uns diese Frömmigkeit völlig abhanden gekommen? Wer gelegentlich in einen evangelischen Gottesdienst geht, wird diesen Choral kennen. Häufig werden die Strophen 1, 2, 6 und 7 gesungen. Das ist irgendwie einleuchtend, aber es lohnt sich doch, fanden wir, ab und zu das ganze sehr sorgsam durchdachte und sehr schön gemachte Gedicht zu lesen.

Das Folgende ist nicht für allzu viele Freunde des Kalenders von Belang, aber für einige wenige vielleicht in hohem Grade. Nota bene: Nicht für literaturwissenschaftlich Beschlagene! Die Werkstattnotizen zu diesem Gedichtekalender sind Notizen von Liebhabern für Liebhaber.
Das Paul-Gerhardt-Gedicht ist poetologisch interessant. Es ist nämlich ein Versuch (nicht der erste), die sapphische Strophe im Deutschen heimisch zu machen.
Nach der Zahl der Silben ist das auch gelungen.
Für diejenigen, die mal Latein gelernt haben, setzen wir hierher die erste Strophe einer Horaz-Ode. (Quintus Horatius Flaccus, 65-8 v.Chr.) Hervorgehoben haben wir die Vokale, die (soviel man weiß) im normal gesprochenen Latein betont sind, also: wenn der Text als Prosa gelesen wird.

   Integer vitae scelerisque purus
   Non eget Mauris iaculis nequ(e) arcu
   Nec venenatis gravida sagittis,
   Fusce, pharetra.

   (Wer mit dem Leben im Einklang und rein von Frevel ist,
   braucht weder maurische Spieße noch einen Bogen
   mit schwerem Köcher voll giftgetränkter
   Pfeile, mein Fuscus!)

So wie oben markiert meinte man im 16. und 17. Jahrhundert die lateinischen Verse aussprechen zu sollen. Und noch weit ins 18. Jahrhundert hinein, und darüber hinaus haben viele oder alle das gemeint. Friedrich Ferdinand Flemming hat, wohl um 1810, für die horazische Ode in diesem Sinne eine Liedmelodie geschaffen, die im Lateinunterricht bis weit ins 20. Jahrhundert hinein tradiert wurde.

Friedrich Ferdinand Flemming, 1778-1813, im Erzgebirge geboren, in Berlin gestorben, war Augenarzt, hatte aber, als Amateur, bei Carl Friedrich Zelter (1758-1832) eine Gesangsausbildung absolviert und war 1809 Gründungsmitglied der von Zelter geleiteten Berliner Liedertafel. Er hat Einiges für Chor komponiert. Sein bekanntestes Chorwerk ist die Vertonung der Horaz-Ode «Integer vitae». Damit seine Komposition auch auf einen deutschen Text gesungen werden konnte, hat Flemming ihr das Gedicht «Über den Sternen» von Friedrich Gottlieb Klopstock (1724-1803) unterlegt (es gehört nicht zu dessen besten):

   Über den Sternen   wohnet Gottes Friede,
   Und Siegespalmen   winken dem Gerechten;
   Chöre der Sel'gen   singen des Empfangens
   Heilige Hymnen.

   Uns bleibt die Trauer    hier an deinem Grabe,
   Doch preist sie glücklich    dich in dunkler Kammer.
   Deiner, o Sel'ger    denken wir in Segen;
   Schlummre in Frieden!

   Himmlische Wonnen    lohnen edle Taten,
   Sie harren deiner    in dem Reich der Sphären.
   Schlummre in Frieden!    Und dein Engel spreche
   Seliges Amen!

Flemmings Satz «Über den Sternen» (vierstimmig, für Männerchor) gehört zum Standard-Repertoire oberbayerischer Blaskapellen, für ernste Anlässe, typischerweise Beerdigungen.

Hübsch nebenbei zu berichten: Karl Friedrich Schinkel (1781-1841) hat für die Berliner Liedertafel einen Pokal entworfen, der, Flemming zu Ehren, «Der Flemming» hieß.

Flemming wusste nicht, dass inzwischen eine andere Auffassung zum Sprechen antiker Verse aufgekommen war (Klopstock, als er dieses – demnach: frühe – Gedicht schrieb, offenbar auch nicht). Gelehrte oder Dichter hatten erkannt, dass die Alten (vorher die Griechen, dann die Römer) ihre Verse nicht nach der Wortbetonung, dem Iktus, gestaltet haben, sondern nach der Länge der Silben. Manche langen Silben kann man daran erkennen, dass ihr mehrere Konsonanten angehören. Aber manchmal ist ein Vokal lang (und macht seine Silbe lang), ohne dass mehrere Konsonanten beteiligt sind. Ob ein Vokal lang oder kurz ist, sieht man ihm nicht an, dadurch ist das Verselesen für Anfänger schwierig.
Im späteren 18.Jahrhundert begannen deutsche Dichter, die im Griechischen und im Lateinischen langen Silben im Deutschen zu betonen und die dort kurzen hier unbetont zu lassen. Die sapphische Strophe des Horaz wurde nun mit folgender Betonung gesprochen:

   Integer vitae scelerisque purus
   Non eget Mauris iaculis nequ(e) arcu
   Nec venenatis gravida sagittis,
   Fusce, pharetra.

Der Austausch Betonung gegen Länge ist höchst fragwürdig, aber bitte: die Dichter haben es so gemacht. Sie haben gemäß dieser Auffassung deutsche antike Strophen geschaffen, die ihrerseits ehrwürdig geworden sind. Von Hölty und Hölderlin gibt es ebenso formal gelungene wie inspirierte, völlig natürlich wirkende, einfach klassische. (Außer der sapphischen Strophe gibt es noch andere. Besonders hochgeschätzt bei Dichtern und Lesern ist die alkaiische.) Von einigen Dichtern des 19.Jahrhunderts kennen wir handwerklich gute, aber selten zugleich wirklich poetisch ansprechende. Im 20.Jahrhundert gibt es ein paar überzeugende, uns fallen gerade die Dichter Rudolf Alexander Schröder und Josef Weinheber ein. Von den Jungen sind zu nennen Dirk von Petersdorff und Jan Wagner. Alle haben ein wenig mit den fürchterlich vielen Konsonanten der deutschen Sprache zu kämpfen.
Wir haben in diesem Jahrgang keine sapphische Ode stehen. Die aufmerksam gewordenen Leser müssen auf den nächsten Jahrgang hoffen. Da bringen wir wieder eine, wahrscheinlich «Der bessere Teil» von August von Platen. Wer den Kalender sammelt, findet im Kalender 2006 eine schöne, nämlich «Süßer Trug» von Georg Britting.

Zurück zu Paul Gerhardt:
Sein wunderbarer «Morgengesang» von 1653 ist die freie Nachgestaltung eines Liedes, das lt. Ev.Gesangbuch in Leipzig 1565 erschienen ist. Beide Lieder gehören zu den unzähligen deutschen Nachgestaltungen von Psalmen, das von 1565 geht auf den Psalm 147 zurück. Es beginnt mit den Worten «Lobet den Herren, denn er ist sehr freundlich», und alle seine Strophen enden wie die von Paul Gerhardt mit den Worten «Lobet den Herren» (welche Formel wie geschaffen ist für die vierte, die kurze Zeile der sapphischen Strophe, den «Adonius»). Beide Lieder lassen sich auf die Melodie von Flemming singen, aber zum Glück kommt kein Mensch auf die Idee, das zu tun: Die uns vertraute Choralmelodie ist ungleich lebendiger und bedeutender. Sie ist von Johann Crüger (1598-1663).

Juni I    Paula Ludwig

Wie gesagt: Es sind zwei Gedichte. Wir haben sie – getrennt durch eine Vignette – auf eine Seite zusammengebracht, weil eins vielleicht zu wenig wäre für ein ganzes Blatt - und weil die kleinen Gedichte der Paula Ludwig ihre kostbarsten sind und wir sie den Kalenderlesern nach und nach bekanntmachen möchten.
Zum ersten Gedicht müssen wir eine redaktionelle Eigenmächtigkeit bekennen:
Die letzten beiden Verszeilen lauten in der 1932 bei Wolfgang Jess, Dresden, erschienenen Erstausgabe des Buches «Dem dunklen Gott»: Sind es die zarten Dornen / oder der wilde Rosenduft. In der bei Langewiesche-Brandt 1974 erschienenen Neuausgabe des Buches steht es auch so.
Vor Erscheinen der Gesamtausgabe der Gedichte bei Langewiesche-Brandt, 1986, fand Hartfrid Voß, der frühere Mit-Verleger, unter seinen Paula-Ludwig-Handschriften ein Blatt aus dem Jahr 1956, auf dem die beiden Zeilen lauten: Sind es die zarten Dornen / oder ist es der wilde Rosenduft. So - also grammatikalisch richtig und durch die Handschrift der Dichterin legitimiert - wurde der Text in die Gesamtausgabe übernommen.
Doch beim hundertmal Auswendig-Hersagen merkten wir, dass das auch nicht befriedigend ist. Die 1932 gedruckte Fassung ist metrisch gut, aber sprachlich falsch, die der späteren Handschrift ist sprachlich in Ordnung, aber metrisch unangenehm.
Wir machen, erstmals in diesem Kalender, einen gewagten Versuch: Wir lassen das oder der neueren Fassung weg, drucken also: Sind es die zarten Dornen? / Ist es der wilde Rosenduft?
«Was würde Paula Ludwig dazu sagen, wenn sie noch lebte und wir zusammenarbeiten könnten wie in den sechziger Jahren?» Ein Literaturwissenschaftler würde schon diese Frage als unzulässig erklären, unsere Entscheidung erst recht. Wir Kalendermacher nehmen uns beides heraus: so zu fragen und so zu entscheiden.
(In diesem Fall sollte vielleicht derjenige aus dem Kalendermacher-Team, der als einziger sich auf die Zusammenarbeit mit Paula Ludwig berufen kann, als Individuum in Erscheinung treten. Es ist ihr jahrzentelanger Verleger Kristof Wachinger-Langewiesche.)
Zum zweiten Gedicht ist anzumerken, dass man es so hören kann wie drei fünffüßige Jamben («Blankverse») mit zwei Versfüßen als Auftakt. Warum spricht sie so? Weil sie, seit ihrer Kindheit eifrige Leserin der Hohen Literatur, mit diesem Metrum durch Shakespeare, Lessing, Schiller intim vertraut ist. Oder durch Goethe (hier:der Anfang der «Iphigenie»):

   Heraus in eure Schatten, rege Wipfel
   Des alten, heil'gen, dichtbelaubten Haines,
   Wie in der Göttin stilles Heiligtum,
   Tret' ich noch jetzt mit schauderndem Gefühl,
   Als wenn ich sie zum erstenmal beträte,
   Und es gewöhnt sich nicht mein Geist hierher...

Warum bricht Paula Ludwig ihre Zeilen anders? Erstens: weil ihre Kollegen mit Vorliebe in «freien Metren» gedichtet haben. Und zweitens: weil das verzweifelte dort und das abgrund-unglückliche ach durch diese Schreibweise besser artikuliert wird.

Juni II   August Kopisch

Ein wilder Wassermann, der wunderschön singt. Darüber, dass die Kinder ihn hänseln, weil er «doch nicht selig sein» kann, schütteln wir den Kopf. Ausgerechnet dieses Argument würde keinem heutigen Kind in den Sinn kommen, wenn es gilt, jemand Fremdes auszugrenzen. Übrigens auch keinem Erwachsenen. Davon abgesehen: Vielleicht dürfen wir hoffen, dass aufmerksames Interesse an fremden Wesen und Verhalten heute weiter verbreitet ist als vor zweihundert Jahren.
Wir möchten, halb scherzhaft, den Gedanken anbieten, dass dieses Gedicht eine kulturhistorische Wende markiert: Die Kinder werden vom Gesang dieses befremdlichen Typen bezwungen, geradezu bekehrt. Es gelten nicht mehr die in der Schule gelernten Voraussetzungen für «in den Himmel kommen» (Taufe? Konfirmation?). Sondern: Wer singt, kann in den Himmel gehn.
Der Gesang des Nöck ist allerdings einer, bei dem nicht nur die Bäume und die Nachtigall, sondern gewiss auch die vorher übermütigen oder ungezogenen Kinder schweigen und tief atmen.
Wer Uhland-Gedichte zu Hause hat (und ein wenig Zeit und Herz, sich auf sowas einzustellen), könnte das Gedicht «Bertran de Born» suchen. Für unseren Kalender ist es zu lang, leider.
Das Gedicht von August Kopisch ist prächtig vertont von Carl Loewe.

Juli I   Ina Seidel

Ein vollkommen schönes Gedicht. Vollkommen schön ist seine «Aussage», vollkommen schön ist auch seine Form: In der Mitte steht das Reimpaar stehn / wehn. Die nach oben und nach unten folgenden Verszeilen reimen finden / entbinden. Dann folgen nach oben Spur / nur, nach unten hier / dir, beide Reimpaare von der Mitte her gesehen symmetrisch. Die oberste und die unterste Zeile lauten völlig gleich.
Ina Seidels Gedicht «Trost» ist vor Auschwitz und vor der Atombombe geschrieben.
Der vorige Kalenderjahrgang enthält das nach Auschwitz und der Atombombe geschriebene Gedicht «Die Ebene» von Sarah Kirsch. Dort heißt es am Schluss:

   Wie gelassen wäre der Abschied
   Könnten wir in leichter Gewissheit
   Dass diese Erde lange noch
   Dauert gerne doch gehn

Auch das Prosagedicht «Steht noch dahin» von Marie Luise Kaschnitz (hier Februar I) ist nach Auschwitz geschrieben.

Juli II   Eduard Mörike

Von der (personifizierten) Nacht ist in ruhigen Jamben die Rede, in den je ersten drei Versen jeder Strophe: vierfüßig, in der vierten fünffüßig.
Die Quellen, nicht so wuchtig, so übergeordnet, schon gar nicht so auf den Kosmos bezogen, schwatzen daktylisch vom heute gewesenen Tage.
Wenn jemand mehr zu diesem Motiv lesen will: Im Kalenderjahrgang 2010 steht das Gedicht «Himmelsmärchen» von Ricarda Huch. Da sind die Sterne unter sich, bewundernswert wohlgeordnet – und beneiden den kleinen Planeten Erde um das, was sie alle nicht haben: organisches Leben, Schicksale, Glück und Weh und Ach.

August I   Johann Wolfgang Goethe

Bleierne Windstille lässt sich nicht besser poetisch ausdrücken als durch schwere Trochäen, Belebung nicht besser als durch Daktylen. Wer je gessehen hat, wie Segelsportler in ihrem Hafencafé sitzen und auf Wind warten, ein ganz klein wenig Wind – und wie sie aufspringen, wenn jemand sagt, er spüre einen Hauch: der weiß, wie das ist.
Goethe hat bekanntlich keine große Seefahrt erlebt. Dem Gedicht, das 1795 gedruckt aber vielleicht schon früher geschrieben worden ist, könnte ein Reise-Eindruck vom Zürcher See oder einer von der Straße von Messina zugrundeliegen. Aber ebenso gut kann es sein, dass ihm gar kein reales Erlebnis zugrundeliegt, sondern dass dieses Doppel-Gedicht imaginiert ist, «erfunden», wie die klägliche Situation des Prometheus oder die Himmelfahrt des Ganymed (beide im Kalenderjahrgang 2005) u.v.a. Dass es nicht nur als Schilderung, sondern auf jeden Fall auch allegorisch zu verstehen ist, brauchen wir den Lesern dieses Kalenders nicht zu sagen.

August II    Sarah Kirsch

Muss/müsste man die Biographie der Autorin kennen, um dieses Gedicht völlig zu verstehen? Die Kalendermacher, denen sie insoweit bekannt ist, fühlen sich nicht dazu berufen, sie hier zu skizzieren. So viel wird jeder Mensch, der Gedichte liest, aus diesem herauslesen, dass eine Frau aus einem schönen Gefüge ausgebrochen ist, weil sie «Apollon fassen» wollte (was immer sie sich von diesem Gott erwartet haben mag; großartig war er schon, aber dass er kein «sanft klopfendes menschliches Herze» hat, wusste man bereits: seinem Konkurrenten im Flötenspiel, Marsyas, hat er, weil dieser besser war als er, bei lebendigem Leibe die Haut abgezogen) – und nun dasitzt. «Sie ist die erste nicht», sagt Mephisto von Gretchen. Anders als das wortarme und nun sozial ruinierte Gretchen zieht hier eine moderne Frau einigermaßen sachlich Bilanz – aber da sie eine Dichterin ist, notiert sie einen ebenso prä- wie postmodernen wunderbaren Saldo. Hin und wieder / schön schwimmendes Wolkengetier - wir können uns nicht vorstellen, dass jemand davon nicht tief bewegt ist.

September I    Unbekannter Dichtert

Heinrich Isaac (um 1450-1517), aus Flandern stammend, hauptsächlich in Florenz lebend, hat zwei Sätze dieses Liedes komponiert, einen polyphonen und den berühmteren homophonen, beide wahrscheinlich um das Jahr 1500, als er im Dienste Kaiser Maximilians stand. Ob Isaac auch die Melodie geschaffen hat (zu der 1551 der Choraltext «O Welt, ich muss dich lassen» und später Paul Gerhardts «Nun ruhen alle Wälder» gedichtet wurden), ist unsicher. Den «Innsbruck»-Text dürfte Isaac vorgefunden haben; dass Kaiser Maximilian selbst ihn gedichtet hat, ist Legende.
Unsere Textfassung folgt der ältesten Überlieferung des homophonen Satzes im ersten Teil von Georg Forsters Sammlung «Frische Teutsche Liedlein», Nürnberg 1539, Texte hg. von M.Elizabeth Marriage, Halle 1903. Gegenüber der Quelle wurden zur Erleichterung der Lektüre folgende Änderungen vorgenommen: Isbruck > Innsbruck, genomen > genommen, bekummen > bekommen, bulen (mit Diphthongzeichen über dem u) > buelen, trew > treu. Elend bedeutet in älterer Sprache: Ausland, Fremde.

September II    Joseph von Eichendorff

Dies ist sicher eins der bekanntesten deutschen Gedichte. Wahrscheinlich können manche Kalenderleser es auswendig. Wir wollten nochmal das Motiv des Fliegens bringen, als klassisches, nein: romantisches Pendant zu Dagmar Nick (Januar I).
So sternklar war die Nacht meint nicht, dass die Luft durch die Felder ging und die Ähren wogten und die Wälder rauschten, weil die Nacht so sternklar war. Sondern: An die vierzeilige erste Strophe schließt die vierte Zeile der zweiten Strophe an. Also, bildlich riskant genug: Die Nacht war so sternklar, dass man meinen mochte, der Himmel habe die Erde geküsst. Die drei ersten Verse der zweiten Strophe sind in Parenthese zu denken und beim Vorlesen etwas leiser zu sprechen, spürbar als Einschub. Wir hätten die ersten beiden Strophen gern so interpungiert...

   Es war, als hätt der Himmel
   die Erde still geküsst,
   dass sie im Blütenschimmer
   von ihm nun träumen müsst

   - die Luft ging durch die Felder,
   die Ähren wogten sacht,
   es rauschten leis die Wälder –:
   so sternklar war die Nacht.

... haben es uns aber nicht getraut.
Recht so, werden die Philologen unter unseren Lesern sagen. Robert Schumann hat das Gedicht vertont, strophig, ohne Parenthese-Piano (eine Sängerin könnte es mal damit versuchen). Dafür hat er die Stelle spannte / weit ihre Flügel aus wunderbar hervorgehoben,.

Oktober I    Robert Gernhardt

Das Gedicht erklärt sich selbst. Beachtenswert: Der kleine Unterschied zwischen der zweiten und der letzten Verszeile. Ferner die Abfolge am schlimmsten / am schönsten / am stärksten /(nochmal) am stärksten / (nochmal) am schönsten. Ferner: in den Weg / ein Weg ohne Ende / auf dem richtigen Wege / kein Weg, eine Sackgasse. Ferner verzückt, beglückt, verrückt. Was es mit den Hügeln von Montaio auf sich hat, wissen wir nicht und brauchen wir nicht zu wissen. Wir hoffen, dass jeder Mensch eine Örtlichkeit «hat», an die zu denken ihn beglückt.

Oktober II    Christiane Schulz

Abgesehen davon, dass es eine ansprechende Herbst-Impression ist, bringen wir das Gedicht wegen (oder: zum Zweck) eines interessanten Vergleiches: Es ist «ähnlich gemacht» wie das von Ina Seidel (Juli I), nur ist es zwei Generationen jünger, reimlos, in freiem Metrum: ein schönes modernes Gedicht gegenüber einem schönen klassischen oder, wenn man will, klassizistischen.
Bei Christiane Schulz gibt es in der mittleren Zeile ein dramatisches Ereignis. Eben sollte auf einen Schatten/riss (im Gegenlicht, auf dem Hügelkamm = Horizont) hingewiesen werden, jetzt erhält riss eine neue Bedeutung, wird zum ersten der zwei einzigen Verben des Gedichts.
Von der mittleren Zeile aus kann man Schritt für Schritt nach außen gehen, jeweils um eine Zeile nach oben und nach unten. Schafe / Halme / Netze / Perlenschnur / Haus an Haus / Kai sind nahezu (aber nicht penetrant) gleichmäßig oben und unten zu finden, und die äußersten Zeilen, die erste und die letzte, lauten fast gleich. Aber nicht völlig gleich: es hat sich was geändert: durch den Riss in der Wolkendecke kommt es rot.

November I    Christian Morgenstern

Im lesenswerten Kapitel 19 des Matthäus-Evangeliums (der ganze Matthäus ist lesenswert) lautet der Vers 24: «Jesus aber sprach zu seinen Jüngern: Und weiter sage ich euch: Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, denn dass ein Reicher ins Reich Gottes komme.»
Daraus macht der Dichter ein Scherzo (einen Hauch von Scherz mag man auch in der Vorlage spüren). Eine Versuchs-Anordnung wie im Physikunterricht, hier nun in Sichtweite der Himmelstür. Ein Nadelbuch mit Nadeln. Ein Kamel (dem Reim zuliebe ein einhöckeriges, ein Dromedar). Ein Reicher mit Geldsäcken.
Nicht «in Physik», sondern «in Religion» hat der Älteste der Kalendermacher «gelernt», dass in den Städten des vorderen Orients abends zwar das große schwere Stadttor geschlossen wurde, dass aber neben dem Tor eine kleine Tür war, die der Wächter von Hand öffnen konnte, wenn spät nachts noch jemand in die Stadt wollte. Ein Fußgänger hatte da kein Problem. Aber wenn einer mit seinem Lasttier kam, wurde es schwierig. Sein Kamel musste niederknieen (was Kamele können) und sich durch das Türchen quetschen. Dieses Türchen habe «Nadelöhr» geheißen. Das wäre eine einleuchtende Erklärung für die seltsame Kombination Kamel/Nadelöhr.
Eine Kalendermacher-Novizin hat sechzig Jahre später in ihrem Religionsunterricht gehört, im Hebräischen habe das Wort für Kamel die gleichen Konsonanten wie das Wort für Seil. (Im Hebräischen werden die Vokale nicht mit-geschrieben, man muss aus dem Zusammenhang erkennen, welche gerade gebraucht werden.) Die Vorstellung Seil/Nähnadel leuchtet fast noch mehr ein als die Vorstellung Kamel/kleines-Tor-namens-Nadelöhr.
Der Dichter hat alles Derartige nicht erwogen. Er brauchte ein Reimwort auf «durch», basta.
Lurch ist der Oberbegriff (unter anderem) für Frösche, Kröten und Molche. Wie ausgeprägt deren Fähigkeit ist, sich wo Enges durchzuquetschen, konnten wir unseren Nachschlagewerken nicht entnehmen. Im literarischen Zusammenhang ist es unerheblich. Unabhängig davon lohnt es sich aber, mal einen Lexikon-Artikel über Lurche zu lesen.
zween ist die alte maskuline Form von zwei (die feminine ist zwo). du Heid: gutmütige Bezeichnung für nicht-ganz-richtig-Gläubige. Douceur: süße Belohnung. stier: starr.

November II    Richard Leising

In diesem Kalenderjahrgang ist ständig vom Fliegen die Rede! Wir befinden uns in Berlin, genauer: in Lichtenberg. Schon nach der Wende. «Typisch Leising» ist das leicht pedantische Aufzeichnen einer Szene und das Nebeneinander oder rasche Abwechseln von hochfliegendem Pathos und kleinlauter Bedenklichkeit.
Zwei redaktionelle Eingriffe sind zu berichten: In der Quelle lauten die Verszeilen 9 und 10:

   Wer weiß es. Aber der Ornithologe weiß.
   Und immer sind einzelne, immer einzelne. Sie fliegen ...

Unsere Situation war ähnlich wie bei Paula Ludwig (vgl. die Werkstattnotiz zum ersten Gedicht Juni I). Wer mit Dichtern zusammenarbeitet, weiß, wie viel Handwerk in einem Gedicht steckt und wie genau die Dichter das wissen und wie dankbar sie (meistens) für ein zweites Augenpaar sind. Für einen Wissenschaftler sind das keine Argumente. Aber Lektoren (manche) sind näher am Schöpfungsgeschehen dran.

Dezember I    Matthias Claudius

Zu erklären gibt's nicht – allenfalls werden Jüngere den Ausdruck «dem ist eine Laus über die Leber gelaufen» nicht mehr kennen. Man sagt so, wenn jemand ärgerlich, verstimmt ist und es (anders als im vorliegenden Fall) eigentlich keinen rechten Grund dafür gibt. Man sagt so? Man sagte so.
Zur Szene: Wir können uns kaum vorstellen, dass spielende Buben einen alten Mann, der gern in Ruhe nachdenken möchte, zum Mitspielen einladen. Übrigens ist auch gar nicht gesagt, dass der Alte in unserm Gedicht tatsächlich mitgespielt hat. Aber das Gedicht ist ja auch kein fundamentaler Lebens-Ratschlag, sondern ein gutmütiger Rempler unter Erwachsenen, den lauten Unfug der Jungen einigermaßen gutmütig zu ertragen.

Dezember II    Walther von der Vogelweide

Der Text ist die erste von drei Strophen, die 1197 und 1201 entstanden sind, als es nach dem frühen Tod Kaiser Heinrichs VI. Streit um seine Nachfolge gab. Walther warb, wie eine der weiteren Strophe zeigt, für den Staufer Philipp von Schwaben, der sich erst 1206 endgültig gegen seinen Rivalen, den Welfen Otto, durchsetzen konnte und schon 1208 ermordet wurde. Die Strophe beginnt mit der Selbstinszenierung des Dichters, die in den Miniaturen der Manesseschen und der Weingartner Liederhandschrift aufgegriffen wurde: Er ist ein Trauernder und Meditierender. Unsere Textfassung folgt der Weingartner Liederhandschrift, entstanden im ersten Viertel des 14. Jahrhunderts in Konstanz, heute aufbewahrt in der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart. Gegenüber der Quelle wurden zur Erleichterung einer angemessenen Aussprache folgende Änderungen vorgenommen: u/v und i/j wurden unserem Schreibgebrauch angepasst, ht > cht, v mit übergeschriebenem i > ü, vn mit Abkürzungsstrich über dem n > und.

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Rev. 01.12.2014