Langewiesche-Brandt Ebenhausen bei München

Georg von der Vring, 1889–1968, gilt als einer der wichtigen Naturlyriker des 20. Jahrhunderts, und das stimmt ja auch. Deutschlehrer und Feuilletonisten sind zu bedauern: sie müssen, um die Unmengen literarischer Erscheinungen irgendwie zu ordnen, solche Bezeichnungen gebrauchen. Wir haben es besser. Wir zitieren einfach aus Christoph Meckels Nachwort zur Gesamtausgabe, und zwar die Passage über das Unzulängliche und das Unerhörte bei Dichtern, am Beispiel der Antipoden Bertolt Brecht und Georg von der Vring:

«Ein großes Werk hat große Schwächen und zeigt sie - ästhetische, ideologische, menschliche. Krasser als mittelbedeutende Werke, deren Stärken und Schwächen nicht so wichtig sind, exponiert es Fragwürdigkeiten und Grenzen des Autors. Das Verfehlte und Fehlende ist Bedingung des Werkes und gehört zu ihm wie Fertigkeit oder Glanz. Wer das unsachlich kritisiert oder falsch verwertet, wer Unvermögen gegen Vermögen ausspielt, verfehlt den homo faber und die ganze Kunst. Wer sich mit dem Werk Bertolt Brechts beschäftigt (...), stößt auf Fragwürdigkeiten, die ihn befremden, vielleicht auf Schwächen, die ihm widerstehn. Die Attitüde des Klassikers bei Lebzeiten, die ideologische Begradigung, die Vorsätzlichkeit in Haltung und Intonation, penetrante Didaktik noch in Gefühl und Witz, Verödung von Poesie in Parolen und Formeln und die Hybris eines Charakters, der maßgeblich sein will als Lehrender und Lernender zugleich. Wer diese Konditionen zur Kenntnis nimmt, als Voraussetzung oder Bedingung einschätzen kann, als das zwangsläufig Unzulängliche einer Gestalt, das vom Unerhörten nicht zu trennen ist, wer da kritisch durchkommt und also sachlich verfährt, erreicht eine Sprache, die ihm nichts schuldig bleibt, und haltbarer ist als Charakter und Ideologie.
Wer die Lyrik des Von der Vring zur Kenntnis nimmt, ihre Höhenverhältnisse ahnt, ihre Breite entdeckt, und im Spalier ihrer Reime spazierengeht, verfängt sich in hergebrachten Besinnlichkeiten, in «Sächelchen» (ein Wort von Oskar Loerke), in häuslich poetischen Vorgärten, Primeln und Tulpen (die von vor zweihundert Jahren herüberduften), in Gewisper von Treuherzigkeiten und frommer Empfindung, die auch zugewandte Kritik für historisch hält. Stille Einfalt in angenehmer Manier. Das scheint aus Beschränkungen eines Träumers zu kommen, der für Ideologie und Streit unerreichbar war, Psychologie und Technik für Teufelszeug hielt, und Epoche und Fortschritt von Grund auf verdammte, auf eigenen Wunsch «aus der Welt verwiesen», ein Mensch allein. Wer genug davon hat, lässt den Poeten fallen, überschlägt ein paar Seiten (...) und liest bei Sarah Krisch oder Huchel weiter. Wer ihn einmal entdeckte und weiter für möglich hält, gerät in Verse, die vollkommen sind, sieben vollkommene - und wieviele mehr! Raffinierte ohne Vorsatz der Raffinesse, alles hinter sich lassend, was Absicht sein kann, von Literaturkritik nicht mehr erreicht. Paradiesische Melancholie, die sich selbst vergaß, wie die Sonate von Schubert (mit dem er verwandt ist). Ein Klangzauber ohnegleichen, ein Wortlaut allein, entwaffnend, wehrlos. Poesie, die keine Fortsetzung haben kann.»

Wir haben (hatten) die Gesamtausgabe seiner Gedichte im Verlag, einen bedeutenden Schatz an Poesie mit einer schönen Studie über den Dichter von Christoph Meckel. Die hundertzehn Gedichte des textura-Buches enthalten etwa ein Sechstel davon, chronologisch nach dem ersten Erscheinen der Gedichte geordnet, mit Notizen zur Edition, zur Poetik und zur Biografie.

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Rev. 17.11.2014