Langewiesche-Brandt Ebenhausen bei München

Dieses Buch befindet sich seit 2010 im Programm des Verlages C.H.Beck. Die alte ISBN war 978-3-7846-0537-4, die neue ISBN ist 978-3-406-60729-5.

Sergej Jessenin: Gedichte. Russisch und deutsch. Übersetzung und Nachwort von Karl Dedecius. textura. 80 Seiten.

Jessenin wurde 1895 geboren, auf dem Lande. «Meine Kindheit verging in Feldern und Steppen.» Erst sollte er Lehrer werden, dann doch lieber in Moskau kaufmännisch arbeiten, aber eigentlich wollte er schreiben, dichten. Eine frühe Ehe mit einem Mädchen aus dem Volke, der ein Sohn entstammte, ging bald auseinander. 1914 veröffentlichte er erste Gedichte in Kinderzeitschriften. Dann – nun folgt ein Abschnitt aus dem Nachwort von Karl Dedecius:

Im Frühjahr 1915 fuhr Jessenin nach Petersburg. Direkt vom Bahnhof ging er zu Blok. Durch Blok wurde er in den Salon von Gorodezkij eingeführt, von hier aus in den «Komödiantenkeller». Darauf folgten die Salons der Hippius, der Gräfin Kleinmichel, Künstlerkeller, faszinierende Bars, Redaktionskulissen der Hauptstadtpresse. Jessenin verkehrte in den elegantesten Leningrader Wohnungen – in Bastschuhen und einem Bauernhemd. Später waren es Saffianstiefel und ein silberbesticktes Seidenhemd. (Majakowskij fand diese Aufmachung operettenhaft.) Diskutieren konnte Jessenin nicht. Er war schüchtern, wortkarg und lächelte unentwegt aus seinen unschuldigen hellblauen Augen. Er sang Lieder zur Laute und rezitierte ergreifende Gedichte (Schmachtserenaden nannte sie Majakowskij). Gorkij rollten Tränen über das Gesicht, wenn er sie hörte. Bei diesen Gedichten, sagte er, denke man unwillkürlich, dass Jessenin weniger Mensch sei als ein Organ, das die Natur ausschließlich für die Dichtung geschaffen habe.

So weit Dedecius. Jessenin hat das alte Russland mit seiner weiten Landschaft und seinen armen Bauern in unwiderstehlich schönen Versen unvergesslich, unvergänglich gemacht. Er war ein Publikumsliebling, in Moskau und Leningrad, auch auf seinen Reisen durch Asien, Europa, Amerika. (Der Sowjetstaat bot damals einigen Spielraum für extravagantes Künstlerleben.) 1922 heiratete er die berühmte amerikanische Tänzerin Isadora Duncan, aber auch diese Ehe hielt nicht. Er kam nicht von seinen trinkfreudigen Groupies los, nicht vom Trinken. 1925 nahm er sich das Leben.

Lebe wohl, mein Freund. Kein Wort. Ich scheu es.
Gräm dich nicht und halte mir die Treu.
Sterben ist auf dieser Welt nichts Neues,
doch auch leben, wahrlich, ist nicht neu.

zur Verlagsseite

zum Gesamtverzeichnis

Rev. 12.11.2014