Langewiesche-Brandt Ebenhausen bei München

E.E. Cummings: like a perhaps hand. Poems - Gedichte

Besprechung von Joachim Kalka in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 14.11.2000

Nicht einmal der Regen hat so schmale Hände

Eine zweisprachige Ausgabe führt die hohe Gedichtkunst von E.E.Cummings vor

Hans Magnus Enzensbergers vierzig Jahre zurückliegender Versuch, ein «Museum der modernen Poesie» einzurichten, geschah mit einer staunenswerten Sicherheit der Auswahl; aber die dem Herausgeber wohlbekannte Furie des Verschwindens hat auch hier nicht vor allen Reputationen haltgemacht. Heute schaut einen gerade die Auswahl von amerikanischen Dichtern melancholisch zeittypisch an. Marianne Moore, Pound, Stevens, W.C.Williams - keine Frage. Aber der «Negerdichter», wie das damals unbefangen hieß, Langston Hughes? Kenneth Patchen (als Lyriker)? Robinson Jeffers? Archibald MacLeish (von dem einzelne großartige Gedichte wie das von Enzensberger aufgenommene «The End of the World» noch durch Anthologien driften), ist vergessen; auf der Schneide des Vergessens scheint hierzulande E.E.Cummings (1894 bis 1962) zu stehen.

Es ist sehr schön, daß der Verlag Langewiesche-Brandt nun einen Band seiner Gedichte vorgelegt hat, denn Cummings gehört zu den wichtigen Lyrikern der Epoche. Die Tatsache, daß der Band als Ergänzung und Erweiterung zu Eva Hesses Cummings-Auswahl von 1958, die 1995 überarbeitet und erweitert wurde, erschienen ist, beweist Entschiedenheit und einen langen Atem. (Auch einen Band «Fairy Tales Märchen» von Cummings gibt es in derselben «textura» Reihe.) Daß es sich um eine zweisprachige Ausgabe handelt, ist sehr verdienstvoll, denn wie bei wenigen anderen Autoren ist es hier für den Leser wichtig, sich wenigstens einen Begriff vom Original konstruieren zu können, selbst wenn ihm nicht jedes Detail von Cummings' Text zugänglich ist. Daß Enzensbergers Vorbild der Zweisprachigkeit im «Museum» und der ergänzenden Reihe «Poesie» so selten Schule gemacht hat, ist bedauerlich. Joachim Sartorius hat es in seinem «Atlas der neuen Poesie» aufgegriffen; aber die zweisprachige Lyrik-Reihe im Verlag Klett-Cotta, die von Alberti und Bonnefoy bis Larkin und Stevens Bedeutendes vorgeführt hat, steht an größeren Unternehmungen, jedenfalls im Bereich der Moderne, fast alleine. Die Zweisprachigkeit aber erlaubt erst dem Leser, von der Qual des Übersetzers zu kosten und so zu verstehen, worum es im vertrackten Detail geht. Gerade bei Cummings sind die «verlustreichen Entscheidungen» zahlreich (wie der Übersetzer Lars Vollert in seinem Nachwort formuliert, wo er hinsichtlich seiner Aufgabe den wahren Satz bildet: «Es ist manchmal viel Bedenkzeit für ein Gedicht vonnöten»); der Leser kann sie so nachvollziehen und wird sie fast immer billigen müssen.

Cummings, der neben einem einzigen Roman aus dem Ersten Weltkrieg («Der ungeheure Raum», 1922) ein lyrisches Ouvre von etwa tausend Gedichten hinterlassen hat, ist vor allem als Dichter der typographischen Verzerrung und Überraschung bekannt. Die Konkrete Poesie hat im Deutschen einige wenige interessante Einzelwerke hervorgebracht und das singuläre Werk des Jahrhundertlyrikers Ernst Jandl durchfärbt, trotzdem scheint sie für die Leser jetzt fast so vollkommen verschwunden, als wäre sie nie gewesen: eine Mode. Da Cummings' Rezeption im deutschen Sprachraurn eng mit der Vogue des «Konkreten» zusammenhing, scheint es schwer, ihn aus diesem Zusammenhang zu lösen. Es stimmt: Sieht man von Mallarmés «Würfelwurf» ab, der sui generis bleibt, und von den uns schwer zugänglichen Meistern der russischen Avantgarde, ist er wohl der international seit dem Barock berühmteste Exponent des Spiels mit den chaotischen Reizen der Lettern, das heißt bei ihm vor allem: mit irregulären Großbuchstaben, die aus dem Wort oder der Zeile herauswuchten, mit vertikal das Satz- und Silbengefüge auflösenden, hinunterrieselnden Buchstabenschauern, mit schräg die Seite hinabmarschierenden Letternkolonnen, mit der vermählenden Ineinanderschachtelung zweier Wörter: «asl(rose)eep» - eine Begegnung von Schlaf und Rose, die auf den ersten Blick nach intimerer Vermählung zu rufen scheint als in der Übersetzung «im (rose) schlaf»: doch merkt man dann, daß «schlaf(rose)end» wegen der kollidierenden «e» leider nicht geht, und hat wieder ein Beispiel für die Anregung des Lesers zur Mitarbeit, die von zweisprachigen Ausgaben ausgeht.

Nicht alle Gedichte Cummings' sind formal derart radikal; man könnte sagen, daß sie das Spektrum von traditioneller Form über das «poeme en prose» und die in lockerem Parlando aufgerissene Zeilenfolge bis zur kunstreichen Letternexplosion besetzen. Aber er hat immer konsequent und mit großem Einfallsreichtum gespielt: Der Grashüpfer (grasshopper) wird in seiner Dichtung als r-p-o-p-h-e-s-s-a-g-r hin- und her hüpfend lebendig. Die typische Signatur seiner Lyrik ist allerdings eine - in den geglückten Fällen makellose - Verschmelzung von einem solchen radikalen Lettern- Experiment mit einer unbekümmert altmodischen Romantik der großen Topoi: Einsamkeit, Liebe, Tod, Schönheit. Das letzte Gedicht in der Auswahl von Eva Hesse bestand aus dem Satz«a leaf falls - loneliness». Dieser Semi-Haiku «Ein Blatt fällt - Einsamkeit» wird nun so umgestülpt und in- einandergeschoben:

1(a
le

af
fa
ll

s) 
one
l
iness

Zur Wirkung des Gedichtes trägt vieles bei: die Identität der Zeichen für das kleine «l» und die Ziffer Eins, das plötzlich rasche Trudeln des Blattes, das nach dem schaukelnden «le af fa» in dem isoliert gesetzten «ll» sichtbar wird, die Art und Weise, wie die «loneliness» hintereinander «1»,«one» und «l» aus sich herausstellt (wobei eben die «l&rqquo; zur einsamen Zahl 1 werden), um dann mit einer «iness» zu schließen oder abzubrechen. Wäre diese etwas wie ein hypostasierte «Inheit» (der dann aber alles Heideggersche, Pompöse fehlte)? Im Deutschen bleibt notwendigerweise nur eine karge «keit» zurück.

Das Eigenartige an Cummings' Lyrik ist es, daß seine exaltierten Experimente oft vor einem Hintergrund leidenschaftlicher Beschwörung von Liebe und Sinnlichkeit stattfinden; diese Laute der Liebe erklingen hier von beiden Spektralenden der poetischen Möglichkeit her, der traditionell erprobten Form und dem lettristischen Zerriß, und sie durchdringen sich. Im Kontext des Werkes hat diese Verliebtheit ein stärkeres Gewicht als die eher berühmt gewordene Ironie a la «my old et cetera». Man kann hierzu, übrigens auch als Beweis für die selbstverständliche Kraft einer zurückhaltend «getreuen» synoptisch zum Original stehenden Übertragung, zitieren: «wenn aus deinen Augen ein lächeln ganz holt herab / die nacht als regen auf die scheue stadt meines geistes . . .»

Er ist gewiß einer der großen Liebeslyriker des Jahrhunderts gewesen. Es ist kein Wunder, daß Michael Caine bei seinem Versuch, Barbara Hershey in «Hannah und ihre Schwestern» zu verführen, als schwerstes Geschütz ein Cummings-Gedicht auffährt - und Erfolg hat: «Nobody, not even the rain, has such small hands.»

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